Werner Popken über Kunst und mehr

Februar 24, 2007

Vorlesen

Filed under: Art,Culture,Kultur,Kunst,Leben,Life,Malerei,Painting,Personal,Thoughts — Werner Popken @ 08:40

Ursprünglich 1998 als  Daily Drawing Nr. 17 publiziert.

Daily Drawing Nr. 17: 47, Vorlesen · © Copyright Werner Popken · © Copyright Werner Stürenburg

Daily Drawing Nr. 17: 47, Vorlesen


47 ist eine niedrige Werknummer. Eine niedrige Nummer deutet normalerweise an, daß der Künstler zwar unterwegs ist, aber noch nicht weiß, wohin er geht und was die richtige Richtung ist. Kunst ist merkwürdig. Wenn man wüßte, was es ist, könnte man es geradewegs produzieren. Jeder könnte dann den Nobelpreis gewinnen oder dick Geld verdienen.

Für mich war es wichtig, loszulassen. Es war schwer zu akzeptieren, daß mein Intellekt nichts von Bedeutung produzieren konnte. Dieses Bild ist ein gutes Beispiel für meinen Erfolg, das Bild kommen zu lassen. Stellen Sie sich vor, mit Pinsel und Ölfarben vor einem leeren Blatt Papier zu sitzen. Was immer Sie tun, Sie können nichts korrigieren. Sie könnten noch mehr Farbe über eine verdorbene Stelle schmieren, aber das würde nur das Bild zerstören.

Es ist also wie in der Kunst des Bogenschießens oder im Krieg oder im Internet. Sie haben genau einen Schuß. Erinnern Sie sich an die  erste Lektion des Creative Journal?

Man kann gut erkennen, daß alle Pinselstriche mit Kraft hingesetzt sind. Schauen Sie sich die Profillinie des Männergesicht an! Oh, es könnte sein, daß Sie das Bild überhaupt nicht lesen können, also erläutere ich besser:

Damals, Anfang der Siebziger, habe ich sehr intensiv Picasso studiert. Wie jeder andere auch, kannte ich nur wenig von ihm, begeisterte mich erst für die Blaue Periode, dann für die Rosa, dann noch einiges mehr. Bis heute mag ich die kubistischen Sachen nicht und halte diese für absolut überbewertet (ja, John Berger, ich schätze die meisten Ihrer Schriften sehr hoch, aber hier stimme ich Ihnen nicht zu).

Schließlich habe ich sein Alterswerk kennengelernt, was damals noch sehr neu war (er lebte ja noch). Sie sehen den Einfluß des späten Picasso hier sehr deutlich. Das finde ich in Ordnung. Nehmen Sie Picasso zum Beispiel. Er hat sich sein ganzes Leben lang beeinflussen lassen … warten Sie … zumindest durch Steinlen, Toulouse-Lautrec, Greco, Goya, Ingres, Rousseau, Matisse, die Surrealisten, die griechische Vorklassik, die griechische Klassik, Steinzeitmalerei, Fotografie … Sie finden sicherlich noch mehr.

Also: Man sieht einen sitzenden Mann zur Linken, der nach rechts schaut und laut aus einem Buch vorliest. In der Mitte hängt eine Lampe von der Decke. Rechts hört eine nackte Frau zu. Die Szene ist sehr ausdrucksvoll, obwohl alles mit der einfachen Mitteln realisiert ist. Man könnte sich so etwas nicht ausdenken und dann versuchen umzusetzen – die Hand wäre verkrampft und würde alles verderben. Hier verwirklicht sich ein Gemälde selbst auf Papier wie ein Traum sich verwirklicht. Wenn Sie träumen, produzieren Sie nicht den Traum. Es ist zwar Ihrer, aber er stößt Ihnen lediglich zu, Sie können nicht nach Belieben träumen (höchstwahrscheinlich – der Don Juan von Castañeda behauptet, daß man das sehr wohl möglich ist und daß man es sogar lernen kann).

Wie bei einem Traum kann ich mich jetzt fragen: Was will dieser Traum mir sagen? Was sagt mir dieses Gemälde? Ich bin in Bezug auf das Bild nicht schlauer als Sie. Bei Träumen ist es üblich, andere zu fragen, um den Traum besser zu verstehen. Aber die meisten meiner Kunden wollten nicht wissen, was ihr Bild für mich bedeutet. Schließlich interessieren sie sich auch nicht für mich. Sie reden noch nicht einmal darüber, was es für sie bedeutet. Vielleicht denken sie nicht darüber nach und lassen das Bild einfach wirken. Man muß ja auch Träume nicht analysieren … When Sie nicht träumen können, werden Sie verrückt; träumen ist also wichtig für die Gesundheit. Aber Sie müssen nicht über Ihre Träume nachdenken.

Wenn Sie sich dafür interessieren, was mir zustieß, als ich in einer Art von wissenschaftlichem Ansatz versuchte herauszufinden, was beim Malen passiert, lesen Sie die Rede » Über die Beobachtung des schöpferischen Prozesses (schließlich stehe ich als moderner Mensch dem schöpferischen Prozeß äußerst skeptisch gegenüber). Das Gemälde, daß Gegenstand dieser Rede ist, ist ein gutes Beispiel für die Art, was ein Eigentümer damit erlebt. In meinen Erinnerungen schildere ich, wie lange sie überhaupt gebraucht haben, um meine Kunst überhaupt schätzen zu lernen, was dieses Gemälde ihnen bedeutet und was sie damit erlebt haben. Kurz: Sie erleben es als tägliche Freude und wachsender Hand. Dieses eine Bild mit all seinen Figuren hat einen wichtigen Stellenwert in ihrem Leben. Vielleicht bedeutet es ihnen sogar mehr als mir. Vielleicht habe ich es für sie gemalt und wußte es nicht. Auf jeden Fall wußte ich nichts darüber, als ich es gemacht habe.

In diesem Moment, wo Sie dies lesen, mache ich Sie mit diesem Bild bekannt. Wenn es etwas bei Ihnen bewirkt, ist es Ihre Sache. Wenn nicht, auch in Ordnung. Wenn Sie es nicht aus Ihrem Kopf herausbekommen und öfter sehen wollen, drucken Sie es vielleicht aus. Wenn das nicht reicht, erwerben Sie vielleicht an Poster oder sogar das Original. Ich habe einige Poster meine Lieblingsbilder gekauft und besitze auch eine Reihe von Büchern. Und mein Kopf ist voll von noch mehr Kunstwerken. Ich genieße das.

Februar 17, 2007

Joes tägliche Zeichnung

Filed under: Art,Culture,Kultur,Kunst,Leben,Life,Malerei,Painting,Personal,Thoughts — Werner Popken @ 12:11

Daily Drawing Nr. 1: 703 has the blues · © Copyright Werner Popken · © Copyright Werner Stürenburg

Daily Drawing Nr. 1: 703 has the blues

Daily Drawing Nr. 3: 265 wears gold · © Copyright Werner Popken · © Copyright Werner Stürenburg

Daily Drawing Nr. 3: 265 wears gold

Daily Drawing Nr. 8: 264a, in a blue mood · © Copyright Werner Popken · © Copyright Werner Stürenburg

Daily Drawing Nr. 8: 264a, in a blue mood

Daily Drawing Nr. 9: 594, all black · © Copyright Werner Popken · © Copyright Werner Stürenburg

Daily Drawing Nr. 9: 594, all black

Der Weg des Helden – also unser aller Weg – ist ein Abenteuer. Er betrifft Mann und Frau und ist nicht unbedingt ein einsamer Weg – Helfer und Mitstreiter, Gegner und Bösewichter finden sich häufig.

Heute bin ich auf alte Texte gestoßen, die uns vielleicht verraten, was ich vor 8 Jahren darüber gedacht habe. Es scheint mir jedenfalls sinnvoll, sie dem Dornröschenschlaf zu entreißen und hier noch einmal zu publizieren.

1998 habe ich nämlich unter dem Titel  Art Quarter eine virtuelle Kunstmesse für den amerikanischen Markt eröffnet.

Diese präsentierte mehrere Galerien, deren jede einem bestimmten Gebiet gewidmet war und mehrere Künstler zeigte (einige haben sich inzwischen zurückgezogen, es waren mehr als zehn):

Parallel dazu habe ich fünf Newsletter produziert, die ich Journale nannte, mit insgesamt über 100 Ausgaben:

Unter „Daily Drawing” wollte ich täglich eine Zeichnung zur Verfügung stellen, die andere Leute wiederum für Ihre Homepage benutzen durften. Das schien mir sinnvoller als irgendwelche abgeschmackten ClipArts.

Bei den ersten drei Ausgaben verfremdete ich Zeichnungen, aber das schien mir bald nicht mehr sinnvoll zu sein.

Gleichzeitig schrieb ich im Art Journal über  Rembrandt, und das wurde auch gelesen. Ab Nr. 17 habe ich die Zeichnungen ebenfalls kommentiert oder vielmehr einfach etwas dazu geschrieben – „Kunst und Anekdoten” heißt es ja im Untertitel. Eine Leserin beklagte sich nämlich: Die Bilder seien zwar sehr interessant, aber sie fühle sich wie in einem Film ohne Ton. Da mußte ich wohl auch dazu was schreiben.

Bekanntlich haben meine Bilder keine Titel, aber für dieses Unterfangen fühlte ich mich genötigt, Titel zu erfinden. Nicht sehr überzeugend, ich habe es später wieder gelassen. Man beachte auch die exquisite „Rahmung”!

Schließlich habe ich die ganze Reihe umbenannt in „Weekly Work”, weil ich den Rhythmus so doch nicht durchhalten konnte: täglich eine Zeichnung und ein volles Journal war einfach zuviel Arbeit. Außerdem habe ich später nicht nur Zeichnungen, sondern auch Gemälde präsentiert, und deshalb schien der Titel „Drawing” ebenfalls nicht mehr angebracht.

Fortan erschien wöchentlich eine Werkvorstellung und eins der Journale im Wechsel. Ende 98 habe ich das Ganze so stehenlassen und mich anderen Dingen zugewandt. Es waren unter „Daily Drawing / Weekly Work” 47 Werke vorgestellt worden.

Februar 10, 2007

Held – verwirrt

Filed under: Art,Culture,Kultur,Kunst,Leben,Life,Malerei,Painting,Personal,Thoughts — Werner Popken @ 18:23

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Nr.  669, 24×18cm, Öl / Malpapier, 11.08.1995

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Nr.  679, 24×18cm, Öl / Malpapier, 18.08. bis 19.08.1995

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Nr.  689, 24×18cm, Öl / Malpapier, 24.10. bis 29.10.1995

Mitte März habe ich mich unter dem Titel  Egozentrik an einer Gesamtdeutung des Gemäldes  242 versucht. Dabei war der Begriff des Helden ins Visier gekommen.

Der Held als innere Figur, strahlend, jung, einzigartig, göttlich, im Gegensatz zur realen Person, die gewöhnlich, alt, krank und häßlich sein könnte. Diese Konzeption, die dem Menschen innezuwohnen scheint, war mit dem „kosmischen Bewußtsein” in Verbindung gebracht worden – was immer das sein mag.

Davon hatte ich keine Vorstellung, als ich zu malen begann. Mir fiel nur auf, daß es häufig, wenn nicht sogar immer, eine zentrale Figur gab, die männlich oder weiblich sein konnte, um die sich alles drehte – auf die die anderen Figuren im Bild bezogen waren.

Sehr selten sind Bilder, die nichts als den Helden enthalten. Meistens gibt es noch einen Begleiter, der auch ein Tier sein kann, wie bei  669.

Drei Beispiele, jeweils zehn Werknummern auseinander, aus dem Herbst 1995 sollen hier stellvertretend Beispiel sein und auch die Bandbreite zeigen.

Der Held in 669 ist nicht gerade jugendlich-strahlend, wirkt eher mittelalterlich-häßlich, während der in  679 durchaus etwas Siegfried-artiges an sich hat und ein bißchen an die Verarbeitung des Themas bei Max Beckmann erinnert, wozu vermutlich vor allen Dingen der abgebildete Schild beiträgt. Die Begleitperson scheint hier eher alt und erfahren, auf keinen Fall aber körperlich attraktiv zu sein.

Bei  689 wird die Sache nun dämonisch – der Begleiter im Hintergrund, obwohl malerisch ganz ähnlich gearbeitet wie der Held, gehört anscheinend doch einer anderen Realitätsebene an, die etwa Geistwesen, bösen Dämonen oder guten Engeln angemessen zu sein scheint.

In vielen Fällen erscheint der Held rechts im Bild, aber das ist keine Regel. Bei größeren Bildern taucht der Held mehr oder weniger in der Mitte auf. Insofern ist das Werk 242 keine Ausnahme. Es bringt lediglich sehr viele zusätzliche Figuren ins Spiel. Wenn man sich die gesamte Reihe der Werke vor Augen führt, fällt auf, daß in diesem Sinne die Komplexität auf die Dauer zunimmt. Zwar gibt es immer wieder auch einfache Bilder ohne viel Schnickschnack, aber zu Anfang überwogen diese, während sie später nur noch selten auftauchten (siehe z. B. auch die Bilder in der Betrachtung  Wiederkehr).

Ähnliche Beobachtungen kann man bezüglich des Hintergrundes anstellen. Die Hintergründe waren anfangs unbestimmt einheitlich, deuteten den Raum lediglich an, wenn überhaupt. Später wurde dieser mehr und mehr unterteilt, Horizont-Assoziationen stellten sich ein, wobei etwa fliegende Vögel oder schwimmende Wale die Raumdimension unterstrichen (siehe z. B. auch  Wiederkehr).

Dabei ist zugleich klar, daß es sich nicht um reale Räume handeln kann. Vielmehr tauchen segmentierte Hintergründe auf, die keinerlei Zusammenhang zu haben scheinen und oft mehrere Horizontlinien auf unterschiedlicher Höhe zeigen (siehe z. B.  509). Bei der Durchsicht der Online-Galerie ist mir aufgefallen, daß z. B.  223 einen diffusen Hintergrund hat, während  227 schon die vertikale Aufteilung des Hintergrundes bringt, wobei jedoch die Horizontale noch fehlt.

Aufgrund der lückenhaften Galerie kann man natürlich keine Schlüsse ziehen; im übrigen ist es vielleicht doch nur von akademischem Interesse, solche Entwicklungen aufzuzeigen. Hier ging es mir ja darum, das Werk 242 insgesamt zu würdigen. Die zentrale Figur des  Langohr, so hatten wir gesehen, ließ die Assoziation „Buddha” durchaus zu. Dieser wird von der Wikipedia wie folgt charakterisiert:

Buddha (Sanskrit, m., buddha, wörtl. „Erwachter“, auch „Erleuchteter“) bezeichnet im Buddhismus jemanden, der Bodhi (wörtl. „Erwachen“, auch „Erleuchtung“) erfahren hat. Im Besonderen bezeichnete der historische Buddha, Siddharta Gautama, sowohl sich selbst als Buddha als auch diejenigen, welche in vorhistorischer Zeit, genau wie er, aus eigener Kraft, ohne die Anleitung eines anderen Buddha, das Erwachen erlangt hatten.

Ein Buddha ist ein Wesen, welches aus eigener Kraft die Reinheit und Vollkommenheit seines Geistes erreicht und somit eine grenzenlose Entfaltung aller „seiner“ Potentiale erlangt hat: vollkommene Weisheit (Prajna) und unendliches, gleichwohl distanziertes Mitgefühl (Karuna) mit allem Lebendigen. Er hat bereits zu Lebzeiten Nirvana verwirklicht und ist damit nach buddhistischer Überzeugung nicht mehr an den Kreislauf der Reinkarnation gebunden. Von „seinem“ Geist kann man eigentlich gar nicht sprechen, denn diese Erlangung ist von transzendenter Natur, mit dem Verstand des unerwachten, weltverhafteten Menschen nicht zu erfassen, ist „tief und unergründlich wie der Ozean“. Aufgrund des höchst überweltlichen Charakters dieser Erfahrung entzieht sich diese einer weltlich-wissenschaftlichen Prüfung. Die Qualität der Buddha-Erfahrung ist für Menschen, die diese Erfahrung nicht selbst gemacht haben, nicht nachzuvollziehen. Der Glaube daran, dass einzelne Menschen eine solche Erfahrung tatsächlich erlebt haben, ist für sie quasi-religiöser Natur, solange sie selber weltbefangen verbleiben.

Eine Buddha-Erfahrung tritt sehr selten auf. Nach der buddhistischen Tradition ist ein Zeitalter, in dem ein Buddha auftritt, ein „glückliches Zeitalter“, denn es gibt sehr viele Zeitalter, in denen kein Buddha auftritt und deshalb auch keine Lehre der endgültigen Befreiung befolgt werden kann: ein „dunkles Zeitalter“.

» Buddha

Buddha also als Erleuchteter aus eigener Kraft – das will freilich nicht recht zu den vielen Hilfsfiguren passen, die 242 bevölkern. Ansonsten scheint die Assoziation nicht falsch zu sein. Es geht anscheinend für die Helden durchaus darum, einen Weg zurückzulegen, der geistiger Natur ist und Herausforderungen bereithält. Deshalb vielleicht das überall zu bemerkende Zögern, leise Anflüge von Furcht, sehr selten von Angst, fast immer begleitet von deutlichen Kennzeichen der Unvermeidlichkeit und Notwendigkeit, den Weg zu beschreiten.

Es sind vor allem die Begleitfiguren, die Zuversicht ausstrahlen, die zu wissen scheinen, wohin die Reise geht, die den Helden stärken und ermutigen, obwohl man nicht immer sicher ist, daß er sich ihrer überhaupt bewußt ist. Das „Personal” in 242 wirkt enorm exotisch. Die ganze Szenerie mutet etwas bedrohlich an, und namentlich die  Kaktus-Figur weckt Assoziationen zu der phantastischen „Don Juan”-Reihe von » Carlos Castaneda, die mich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre beschäftigt hatte. Die indianischen Rituale haben ja durchaus etwas Bedrohliches an sich.

Aber auch da geht es ja – selbst wenn alles nur erfunden sein sollte, was heute so gut wie sicher zu sein scheint – um die geistige Entwicklung des Helden, selbst wenn dieser in der Realität vor allem ein Tölpel ist. Die spirituellen / geistigen / religiösen Vorstellungen Castanedas erscheinen freilich ziemlich verquast. Wie aber findet der Held seinen Weg? Ein Buddha findet ihn ohne Lehrer. Sind die Helfer in diesem Sinne Lehrer? Eher nicht. Muß also der Held seinen Weg alleine finden? Sieht so aus.

Februar 9, 2007

Wiederkehr

Filed under: Art,Culture,Kultur,Kunst,Leben,Life,Malerei,Painting,Personal,Thoughts — Werner Popken @ 07:36

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Nr.  223, 100×80cm, Öl / Leinwand, 16.10.1975 bis 31.05.1976, Privatbesitz

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Nr.  703, 30×24 cm, Blei-, Farbstift, Aquarell, Kreide / Papier, 13.11.1997

Zu  Zeichnungen: Tage später fällt mir auf, daß es diese Art von Köpfen schon längst gab. Ein Beispiel hatte ich schon angeführt:  Blaue Periode.

Eigenartig, daß ich das erst jetzt bemerke. Es ist Jahre her, daß ich die Zeichnung gemacht habe, und Tage, daß ich wieder auf sie gestoßen bin, und nie habe ich die Ähnlichkeit wahrgenommen. Auch die schwarze Hintergrundfarbe, die ich durchaus als ungewöhnlich registriert habe, paßt zu den damals üblichen, zwar malerisch bewegten, aber gleichmäßigen Hintergründen, die später vollständig verschwanden und mit allerlei Figuren bevölkert wurden.

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Nr.  702, 30×24cm, Blei-, Farbstift, Aquarell / Papier, 07.11.1997

Die anderen Zeichnungen aus 1997 entsprechen etwa diesem Muster, etwa die Zeichnung direkt davor,  702. Der Hintergrund zwischen den beiden Figuren ist seinerseits Spielfläche für Gestalten, die immer wieder auftauchen und Rätsel aufwerfen.

Diese Zeichnung hat starke Anklänge an Max Beckmann. Auch das war mir seinerzeit nicht aufgefallen, scheint mir jetzt aber offensichtlich, obwohl mir kein konkretes Beispiel einfällt.

Während des Zweiten Weltkriegs hat Beckmann eine Reihe von Zeichnungen gemacht, etwa zur Apokalypse, unter denen sich so etwas befinden könnte. Ich sollte einmal eine Gegenüberstellung machen, um die Vermutung zu überprüfen. Bestimmt bekomme ich dann umgehend Ärger mit der VG Bild-Kunst – das habe ich vor Jahren schon anläßlich meiner Aufsätze für die  Journals durchexerziert und schließlich klein beigegeben. Für einen Rechtsstreit, den ich sicher gewonnen hätte, war ich nicht gerüstet.

Damals war Picasso der Streitpunkt, aber vermutlich sind sie hinter Beckmann genauso her. Eine Recherche im Internet zeigt, daß meine Vermutung richtig ist. Keiner traut sich, etwas zu zeigen, außer Mark Harden (» www.artchive.com), dem sie in Texas nicht beikommen können; aber der gibt sich mit Zeichnungen nicht ab. Ich habe etwas im Kopf, vermutlich aus einem Beckmann-Buch, das ich besitze; ich muß mal suchen. Die gefundenen, meist winzigen Abbildungen sind nicht das, was mir vorschwebt. Es würde mich schon sehr interessieren, weshalb ich bei dieser Zeichnung an Max Beckmann denken muß.

Meine frühen Arbeiten, die etwas streng wirken, gefallen mir sehr gut, und ich habe sie seinerzeit mit Stolz in der Museumsausstellung präsentiert. Später habe ich mich dann zu mehr Virtuosität verleiten lassen. Vielleicht wird darin ebenfalls ein Einfluß Erich Engelbrechts sichtbar; zweimal ist dieser bereits aufgefallen, das erste Mal merkte ich es selbst sofort, das zweite Mal er, nachdem wir lange gerätselt hatten, denn beide Male steckte ich durch die Verstrickung in einer tiefen Krise. Es ist nicht gut, nicht man selbst zu sein.

Das kann man bezüglich der „virtuosen” Arbeiten nicht behaupten, insofern leuchtet es ein, daß ich nichts gemerkt habe. Die Entdeckung der Virtuosität hat mir ja selber gut gefallen. Ich habe mich eher getraut, diese Arbeiten öffentlich zu zeigen und mich mit ihnen mehr identifiziert. Führten sie mich trotzdem von mir weg? Interessant, diese Gedankengänge.

Februar 7, 2007

Navigation

Filed under: Art,Culture,Kultur,Kunst,Leben,Life,Malerei,Painting,Personal,Thoughts — Werner Popken @ 10:49

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Nr.  509, 24×22 cm, Holzschnitt / Bütten, 1984

Da ich die  Galerie nun aufgefüllt hatte, empfand ich doch das dringende Bedürfnis, hier ein bißchen aufzuräumen und zu gliedern.

Natürlich ist es interessant, eine sehr kleine Radierung direkt neben einem sehr großen Gemälde zu sehen, aber irgendwie scheint es doch sinnvoller, zu gruppieren, zum Beispiel nach Techniken.

Daher habe ich jetzt eine Auswahl eingeführt, grob nach  Öl,  Papier und  Druckgrafik. So kann man sich etwas leichter eine Übersicht verschaffen. Es erscheinen 9 Objekte unter Druckgraphik, 35 unter Öl, 16 unter Papier und 57 insgesamt.

Vor einigen Jahren hatte ich mal nach allen möglichen Bildkriterien klassifiziert und mich anschließend gewundert, wie viele Kinder oder Schwangere auf meinen Bildern vorkamen, wie viele verschiedene Tierarten usw. Durch einen groben Programmierfehler eines teuren Datensicherungsgerätes, das ich eines Tages glaubte anschaffen zu müssen, sind diese Daten verlorengegangen. So viel Arbeit im Bruchteil einer Sekunde vernichtet!

Der DAT-Streamer mit einer Software von Seagate machte bei der Inbetriebnahme eine Schreibprobe und formatierte kurzerhand das Wechselmedium. Damals hatte ich ein 1 GB-Jazz-Laufwerk, das war hochmodern und bot sensationell viel Speicherplatz. Hätte ich die Kassette herausgenommen, wäre vielleicht nichts passiert. Aber selbstverständlich hätte die Seagate-Software mich warnen müssen. Natürlich sind die Leute von Seagate nicht haftbar. Man muß so etwas möglichst schnell vergessen.

Was soll’s, man kann es wieder nacharbeiten, wenn man möchte. Vielleicht ergibt sich so etwas ja als Nebenprodukt zu dieser Galerie. Bei der digitalen Bilderflut, die wir mittlerweile überall beobachten können, wird es allgemein notwendig, die Bilder zu verschlagworten. Das bedeutet wieder viel Arbeit, entspricht aber im Grunde genau dem, was ich damals gemacht habe. Wenn man das Ganze dann auch noch in eine Datenbank packt, kann man diese einfach danach befragen, wie viele Schwangere oder Kinder oder was auch immer vorhanden sind und sich die entsprechenden Bilder natürlich dann gleich vorlegen lassen.

Den Holzschnitt  509 hatte ich nach der Erstellung ganz vergessen. Ausnahmsweise gab es keinen Anlaß für die Produktion, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Eines Tages, etwa zehn Jahre später, suchte ich nach einem geeigneten Druckobjekt und stieß zufällig auf die Platte. Damals habe ich dann die Auflage drucken lassen. Inzwischen gibt es einige kolorierte Exemplare, die mir auch ganz gut gefallen. Zunächst hatte ich, wie immer, keine Idee, worum es eigentlich ging. 1997 habe ich im amerikanischen Internet eine kleine Umfrage nach einem Titel gemacht, diese aber nie ausgewertet. Alle möglichen Vorschläge kamen herein, keiner leuchtete mir ein.

Inzwischen weiß ich ganz gut Bescheid über diesen Holzschnitt und könnte auch einiges dazu sagen. Dazu ist es aber im Moment noch zu früh. Die merkwürdige Beleuchtung kommt durch die Aufnahme mit der Digitalkamera – mein erster Versuch, ich war mir der Problematik nicht bewußt.

Februar 6, 2007

Zeichnungen

Filed under: Art,Culture,Kultur,Kunst,Leben,Life,Malerei,Painting,Personal,Thoughts — Werner Popken @ 08:02

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Nr.  703, 30×24 cm, Blei-, Farbstift, Aquarell, Kreide / Papier, 13.11.1997

Es ist zwar schon wieder entsetzlich spät, aber ich möchte mich doch endlich wieder einmal ein bißchen mit Kunst beschäftigen. Bezüglich  242 muß ich aber mal eine kleine Pause einlegen.

In der letzten Woche bin ich über meine Radierungen, Holzschnitte und einen Stapel Zeichnungen gestolpert und habe dies zum Anlaß genommen, die  Galerie ein wenig aufzufüllen. Ich empfehle einen Besuch!

Nr. 703 fällt ein bißchen aus dem Rahmen, durch den schwarzen Hintergrund vor allem, aber auch durch die merkwürdigen Figuren, die ein bißchen an die beiden Burschen links unten in Nr.  242 erinnern.

Sie wirken ebenfalls ein bißchen karikaturenhaft, könnten auch in einem Cartoon vorkommen, aber ganz trifft es das nicht, denn für eine Karikatur oder einen Cartoon fehlt einerseits der Witz, andererseits sind diese Figuren zu individuell, zu sehr Charaktertypen.

Aber auch das stimmt nicht ganz; Witz haben die Figuren schon – wenn ich mir die Beiden eine Weile anschaue, merke ich, wie sich in meinem Zwerchfell die Spannung ansammelt. Das Problem ist nur, daß man nicht darauf kommt, worauf sich der Witz bezieht – und das muß bei einer Karikatur schon gegeben sein.

Ebenso wie in diesem anderen Fall muß man hier wohl von Kunst sprechen. Kunst, das heißt für mich, daß diese Figuren über sich hinausweisen, eine Bedeutung tragen, mehr sind als das, wofür sie zunächst als Zeichen stehen. Aber was könnte das sein?

Es gehört zu den Stereotypien über Kunst, von einem nicht auflösbaren Rest zu sprechen. Dem stimme ich wohl zu, einfach durch Erfahrung, weil zum Beispiel selbst für mich meine Werke im Laufe der Zeit deutlich an Tiefe zunehmen, je länger ich sie kenne. Andererseits bin ich zu sehr Rationalist, um mich damit einfach so zufriedengeben zu können. Irgendwie ärgert es mich schon, mich mit etwas konfrontiert zu sehen, das mir Rätsel aufgibt.

Es ist natürlich ein Leichtes, Geheimnisse zu produzieren; » Arno Schmidt hat sich einmal darüber lustig gemacht. Verschlüsseln ist immer leicht, Entschlüsseln im allgemeinen ziemlich schwierig. Wenn sich dann das Geheimnis auch noch als banal entpuppt, ist die Peinlichkeit nicht zu überbieten. Aber hier geht es nicht darum, Geheimnisse zu erfinden. Da würde ich mir ja selber in die Tasche lügen – dazu habe ich keine Lust. „Die Malerei” produziert diese Dinge, während ich mich bemühe, so präzise wie möglich zu arbeiten, und dann kommt so etwas heraus!

Auf der anderen Seite kann ich mich der Faszination des Bildes nicht entziehen. Es hat etwas, ganz zweifellos. Aber was ist es?

Februar 5, 2007

Galeriezuwachs

Filed under: Art,Culture,Kultur,Kunst,Leben,Life,Malerei,Painting,Personal,Thoughts — Werner Popken @ 12:22

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Nr.  231, 7×11 cm

Zugänge in der  Galerie. Viel Vergügen!

Siehe zum Beispiel die Radierungen – so klein sie sind, mitten unter riesigen Gemälden halten sie doch stand und zeigen gleichermaßen Monumentalität.

Zum ersten Mal auch Holzschnitte und Zeichnungen.
 
 
 
 

Februar 4, 2007

Egozentrik

Filed under: Art,Culture,Kultur,Kunst,Leben,Life,Malerei,Painting,Personal,Thoughts — Werner Popken @ 15:15

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No.  242 (Privatbesitz, 100×146 cm)

Tja, nachdem ich mich nun so lange mit den einzelnen Figuren aufgehalten habe, kann ich mich nun nicht mehr länger drücken. Ich muß mich mit dem ganzen Gemälde beschäftigen, und das fällt mir nach wie vor schwer.

Es fängt schon mit dem Titel an. Immer wieder einmal habe ich versucht, den Bildern Titel zu geben, und bisher haben alle Beiträge hier einen Titel bekommen; und wenn schon nicht das Bild, so sollte doch vielleicht wenigstens diese Betrachtung einen Titel bekommen. Aber zunächst fiel mir auch hierzu nichts weiter ein als die Werknummer. Was könnte ich zu diesem Bild schon sagen, was sich durch den Titel ausdrücken ließe?

Mal sehen, vielleicht kann ich wenigstens einen Titel für die Betrachtung finden; bestimmt fällt mir etwas ein. Für das Bild sehe ich aber schwarz. Die Betitelungen, die ich zuweilen vorgenommen habe (eigentlich erst, seit ich im Internet publiziere), sind allesamt im Grunde nicht ernstgemeint. Aber trifft das nicht auf alle Bildtitel zu?

Wenn ich zum Beispiel an das » Frühstück im Grünen von Manet denke – mit Frühstück hat das eigentlich wenig zu tun, aber desto mehr mit Kunst, mit Reflexion nämlich, denn bekanntlich ist dieses Bild eine Paraphrase über eine Paraphrase, die möglicherweise selber wieder eine ist. Was will in diesem Zusammenhang ein Titel schon besagen?

Hat Picasso seine Bilder betitelt? Nicht daß ich wüßte. Zwar haben sie alle Titel bekommen, aber im Regelfall wohl nicht durch ihn, sondern eher durch die Händler. Max Beckmann hat seine Bilder immer betitelt, und im Laufe des Entstehungsprozesses haben diese Titel sich oft verändert. Mir kommt es aber so vor, als hätte er sie nur beim Namen nennen wollen.

Ein Name beschreibt ja nicht den Inhalt. Peter heißt Peter, weil er Peter heißt, und nicht etwa, weil er etwas an sich hat, was man mit „Peter” beschreiben könnte. Warum heiße ich Werner? Sicher nicht, weil meine Eltern mich mit diesem Namen beschreiben wollten. Die Wikipedia sagt:

Werner ist die neuere Schreibweise von Wernher. Wernher entstand aus der Zusammensetzung der althochdeutschen Wörter „weri“ (wehren, vom germanischen Stammesnamen der Warnen „warin“, später „warjan“) und „heri“ (Heer, germanisch „hari“).

Werner bedeutet damit soviel wie „sich im Heer Wehrender“, andere Deutungen sprechen vom „Krieger im Heer der Warnen“ oder dem „wehrhaften Krieger“.

» Werner

Das alles hat mit mir überhaupt nichts zu tun. Der Name Werner beschreibt mich nicht, sondern bezeichnet mich nur. Bei Beckmann sind Titel oft beschreibend (z. B. » Künstler mit Gemüse) oder beschreiben irgend eine Einzelheit, die mehr oder weniger entfernt mit dem Gemälde zu tun hat, dieses aber nicht erschöpft, sondern eher nur benennt (z. B. » Schauspieler, » Odysseus und Calypso).

Bei den Surrealisten war es ein beliebtes Spiel, den Titel möglichst absurd zum möglichst absurden Bildinhalt zu erfinden (Beispiel: Magritte, » La condition humaine). Auch Paul Klee lud seine Freunde und Schüler zum Betiteln ein. Mir würde das wirklich widerstreben. Ich bin mit der Numerierung ganz zufrieden.

Der einzige Nachteil ist, daß man sich unter einer Nummer nun wirklich nichts vorstellen kann. Deshalb haben wir eben alle Namen, und deshalb haben auch die Internetpräsenzen Namen, im Gegensatz zur Telefonnummer, die man sich auch schlecht merken kann.

Ich sehe schon ein, daß Namen ihre Vorteile haben, und habe tatsächlich für wenige Gemälde wirkliche Namen erfunden, etwa Josef, Martin etc., und diesen Namen auf dem Keilrahmen vermerkt, aber das half mir gar nicht, denn ich konnte mir die Namen dann nicht merken. Wir haben das nur die Surrealisten gemacht? Bei Beckmann geht das ja noch.

Aber ich merke, ich drücke mich immer noch. Ich möchte ja gerne etwas zu dem Bild selbst sagen. Also fange ich mal formal an. Wir haben, so hatte ich festgestellt, 3 größere Köpfe, etwa im selben Maßstab, und sieben kleinere, ebenfalls im selben Maßstab. Diese sind auf eine bestimmte Weise angeordnet, so daß sich ein Streifenrhythmus ergibt. Am besten kann man das durch eine Skizze erläutern.

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Zunächst wollte ich gerne, daß das Gemälde in parallele Streifen geschnitten werden kann. Allerdings konnte ich mir nicht ganz schlüssig werden, welchen Winkel diese Streifen haben sollten.

Nach zwei Versuchen, die mich beide nicht recht überzeugt haben, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß es zwar ganz offensichtlich eine streifenartige Struktur gibt, diese aber nicht durch parallele Schnitte, sondern mit unterschiedlichen Winkeln zu bezeichnen sind.

Die Linie ganz rechts ist fast senkrecht, aber auch ein wenig nach rechts geneigt, vielleicht nur ein oder zwei Grad, während die anderen mehr oder weniger, aber ebenfalls nach rechts geneigt sind.

Anfangs konnte ich mich nicht entscheiden, ob es überhaupt eine zentrale Figur gibt, aber inzwischen dürfte es klar sein, daß der  Langohr als Hauptfigur angesprochen werden muß, und zwar aus mehreren Gründen.

Zum einen kann eine Figur am Rande nicht in Frage kommen, zum anderen ist diese ganz vorn, und drittens wird sie durch die beiden mittleren Linien geradezu hervorgehoben. Man sieht das sehr deutlich, wenn man die letzte Konstruktion mit den beiden ersten vergleicht, die irgendwie nicht zu passen scheinen. Diese rahmen den Kopf nicht so ein wie die letzte.

Der  Krieger tritt zurück, schwebt über dem Helden, segnet ihn gewissermaßen, beschützt ihn, während dieser sich seiner zentralen Rolle bewußt zu sein scheint, ohne sich etwas darauf einzubilden.

Dieser Tage habe ich eine interessante Passage bei » Raymond Smullyan gelesen, die sich mit Egozentrik beschäftigt (» Das Tao ist Stille, Original » The Tao Is Silent). In der mir vorliegenden Ausgabe (Frankfurt S. Fischer, gebunden, 2. Auflage) heißt das Kapitel 30 „Egozentrik und kosmisches Bewußtsein” (Seite 194-96). Er zitiert das » Sonett LXII von Shakespeare (sic! Auch numeriert), das sehr schön seine These illustriert.

Im Lichte des kosmischen Bewußtseins ist der Held jung, attraktiv, strahlend, unsterblich, kraftstrotzend, kreativ, unbesiegbar – unheilbar egozentrisch. Mit nüchternem Bewußtsein ist er alt, häßlich, krank, verachtet sich selbst – genau das Gegenteil. Der Autor nimmt diesen Widerspruch mit Freude zur Kenntnis, anscheinend kennt er ihn an sich selbst, aber er kann es nicht richtig erklären.

Er zitiert dazu Richard Maurice Bucke: » Die Erfahrung des kosmischen Bewusstseins (Original: » Cosmic Consciousness: A Study in the Evolution of the Human Mind):

Das Selbst des kosmischen Bewußtseins erscheint unter Berücksichtigung aller Gesichtspunkte einzigartig und göttlich. Von seinem Standpunkt aus erscheinen der Körper und das ichbewußte Selbst als ebenso göttlich. Aber vom Standpunkt des gewöhnlichen Selbstbewußtseins aus scheinen das ichbewußte Selbst und der Körper – im Vergleich mit dem Selbst des kosmischen Bewußtseins – unwesentlich und sogar, wie wir im Falle Paulus sahen, verachtenswert zu sein.

Diese Wendung war für mich sehr interessant. Die Bezeichnung „Held”, die ich soeben verwendet habe, ist mir ganz geläufig. Vor 20 Jahren habe ich schon vom Helden gesprochen, weil es so naheliegend war. Viele Hauptfiguren in meinen Bildern sehen viel heldenmäßiger aus als dieser, und eine ganze Reihe von Assoziationen war mir schon eingefallen dazu; verschiedentlich habe ich mich damals in Reden darüber verbreitet (» Die Figur des Helden, 1985, » Ein Heldenmythos, 1986).

Der von Smullyan angesprochenen Zwiespalt, daß nämlich der Held vollkommen egozentrisch ist, sich aber nichts darauf einbildet, schien offensichtlich, und für mich als Schöpfer war ohnehin klar, daß ich persönlich mir nichts darauf einbildete. Nichtsdestotrotz versuchte ich mich in die Rolle des Helden einzufinden, konnte aber diesen merkwürdigen Widerspruch, den Bucke bzw. Shakespeare so schön herausgearbeitet haben, weder konkretisieren noch auflösen. Heute, denke ich, kann ich das, und würde das mit anderen Worten tun als Smullyan.

Für die heutige Betrachtung führt das aber zu weit; beim nächsten Mal will ich dort wieder ansetzen. Kann ich nun nach dieser Entwicklung, die ich mir nicht vorgestellt hatte und nicht hätte vorstellen können, einen Titel finden? Müßte doch möglich sein. Wie wäre es mit Egozentrik?

Februar 3, 2007

Jungs

Filed under: Art,Culture,Kultur,Kunst,Leben,Life,Malerei,Painting,Personal,Thoughts — Werner Popken @ 14:10

Ausschnitt aus No. & · © Copyright Werner Popken · © Copyright Werner Stürenburg

Ausschnitt aus No.  242 (Privatbesitz)

Dies sind die letzten beiden Figuren auf dem Bild, Nr. 6 und 7 – ich habe die beiden als Einheit zusammengefaßt. Irgendwie gehören sie ja zusammen, das ist offensichtlich, und es schien mir nicht sinnvoll, sie einzeln zu behandeln.

Schaute die  Rothaarige nach rechts aus dem Bild, so schauen diese beiden eher nach links. Beide blicken am Betrachter vorbei, der Linke deutlich, der Rechte gewissermaßen haarscharf über die Schulter des Betrachters.

Als Typen sind die beiden wieder ganz anders als alles, was wir bisher gesehen haben, und nicht nur die räumliche Nähe läßt sie als Paar erscheinen – sie haben gewisse stilistische Ähnlichkeiten. Beide Köpfe sind extrem schmal und langgezogen, die Schädel fehlen fast ganz, aber trotzdem fällt es schwer, sie etwa als Brüder anzusprechen. Wenn sie denn Brüder wären, so solche, denen man die Verwandtschaft nicht unbedingt ansieht.

Bei Hermann Hesse kommen häufig zwei männliche Figuren vor, die gegensätzliche Charaktere symbolisieren, der Blonde und der Dunkel, der Weichere und der Härtere, der Künstlertypus und der nüchterne, lebenstaugliche Alltagsmensch.

Von einer solchen programmatischen Gegenüberstellung kann hier keine Rede sein, obwohl beide Typen sehr unterschiedlich gekennzeichnet sind. So ist der eine tatsächlich eher dunkelhaarig, der andere scheint einen Blondschopf zu haben, der eine wirkt weicher, der andere härter, der eine vom Typ her eher romanisch oder slawisch, der andere eher germanisch oder nordisch. Aber es handelt sich nicht um Literatur, die Charaktere haben keine Entwicklung, keine Geschichte, und sie sind nicht konstruiert, sie illustrieren nichts.

Solche Typisierungen sind trotzdem fatal, aber selbstverständlich gibt es diese charakteristischen Anmutungen. Wie immer wir das bewerkstelligen – irgendwie erkennen wir schon, ob jemand ein Schwede ist oder ein Brite, von einem Spanier oder Russen ganz zu schweigen.

Innerhalb eines Volkes gibt es eine unerhörte Bandbreite an Typen, und je mehr Individuen man kennt, desto weniger ist man eigentlich in der Lage, den Typus als solchen zu erfassen – man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. So ähnlich funktioniert das wahrscheinlich auch mit den Künstlern. Eine Figur von Beckmann würde man immer als solche erkennen und niemals mit einer von Picasso verwechseln können, um ein deutliches Beispiel zu nennen – aber jede andere Anpaarung wäre ebenso geeignet.

In diesem Sinne sind alle Figuren auf diesem Bild vermutlich typisch für mich, obwohl sie sich, wie wir gesehen haben, untereinander extrem unterscheiden. Natürlich muß man eine gewisse Grundkenntnis besitzen, um einen Schweden als Schweden erkennen zu können. Deshalb würde niemand meine Figuren als mir zugehörig erkennen können, der sich noch gar nicht mit meinem Werk beschäftigt hat. Er würde statt dessen Parallelen zu dem ziehen, was er kennt, und dann behaupten, meine Figuren sähen so aus wie die von Picasso – die häufigste Assoziation, einfach weil die Leute nichts anderes kennen.

Einmal fühlte sich jemand an Victor Brauner erinnert, den ich gar nicht kannte; und auch in den vielen Jahren seither habe ich nur eine Handvoll Gemälde Brauners auf Abbildungen gesehen. Ich finde nicht, daß sein Werk Assoziation zu meinem oder umgekehrt zuläßt, aber das will nichts heißen. Für diese andere Person war es eben anders.

Viele Künstler haben natürlich eine recht schmale Bandbreite, aber wenn man sich vor Augen führt, über welches ungeheuere Spektrum Picasso verfügte, so ist es schon erstaunlich, daß man einen Picasso immer erkennt, wenn es sich nicht gerade um eines dieser unsäglichen kubistischen Experimente handelt, obwohl man auch bei denen langsam einen Blick bekommt – allerdings muß ich mich hier zurückhalten, denn im Grunde kenne ich zu wenige Bilder von Georges Braque, um diese Aussage wirklich fundiert treffen zu können.

Es ist also alles eine Sache der Erfahrung. Ich erkenne meine Bilder natürlich sofort – ich habe sie ja gemalt. In der Übersicht ist es allerdings ebenfalls erstaunlich, welche Bandbreite sich dort manifestiert. Im Laufe der Zeit sollte das hier deutlich werden. Die Einheit in der Vielfalt – ein faszinierendes Thema. Das Typische und Exemplarische im Individuellen, das Zusammenhängende angesichts des Diversifizierten. Zwischen den Gemälden verhält es sich ähnlich. Die Figuren aus dem ein Bild unterscheiden sich signifikant von denen eines anderen und könnten vermutlich nicht ausgetauscht werden.

Auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen – das muß ich einfach gelegentlich einmal ausprobieren. Mit der digitalen Bildbearbeitung dürfte das ja kein großes Problem sein. Würden sich auf diese Weise neue Bilder ergeben oder einfach nur unerträgliche Konstruktionen, die eben gerade das vermissen lassen, was das Gemälde als solches ausmacht, nämlich die Sinnstiftung? Ich vermute es, aber sicher bin ich mir nicht. Erich Engelbrecht hatte mich einmal dazu verleitet, eine Figur aus einem Bild „weiterzuentwickeln”, weil das seiner Methode entsprach. Für mich war das einfach Murks.

Denn alle diese Figuren sollten ja nicht zufällig auf diesem Bild auftauchen, ihre Stellung, ihr Ausdruck ist präzise und eindeutig und sollte seine Funktion haben, was immer sie sein möge. Auch diese Vermutung ließe sich experimentell überprüfen, indem man etwa die Figuren innerhalb eines Bildes vertauschte oder ihre Stellung zueinander veränderte.

© Copyright Werner Popken · © Copyright Werner Stürenburg

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Einstweilen habe ich mich damit begnügt, die Köpfe freizustellen. Das habe ich auch in diesem Fall getan und war natürlich gespannt, ob sich auch hier eine Teilung des Gesichtes herbeiführen ließe, ob ich auch hier eine Überraschung erleben würde, wie bei der Rothaarigen.

Die Überraschung war tatsächlich vollkommen, aber anders als gedacht. Bei der rechten Figur wollte sich so etwas überhaupt nicht einstellen; trotz der Nasenlinie, die eine Profilansicht gestatten würde, wollte sich nichts anderes als eine Frontalsicht durchsetzen.

Bei der linken Figur ergibt sich die Profilsicht nur im oberen rechten Viertel. Das Auge und die Nase schauen deutlich nach links, aber schon der Mund will sich dazu nicht fügen, und auch das Kinn liefert keinerlei Hinweise auf eine Profilstellung, im Gegenteil: das Kinn verleitet zur Frontalansicht und produziert dadurch einen Widerspruch zum Profil oben. Das ist interessant, denn formal sind diese Figuren ja ganz ähnlich gemalt wie die anderen.

Wodurch ergibt sich eigentlich das Gefühl der Zusammengehörigkeit dieser beiden Personen? Möglicherweise durch die Neigung der beiden Köpfe zueinander, durch die Stellung der Ohren, die jeweils aufeinander verweisen bzw. auf den anderen Kopf, vielleicht auch durch die Parallelität der schlanken Silhouetten. Sie scheinen dicht hintereinander zu stehen, der Linke etwas weiter vorn, und zwar so, daß sie direkten Körperkontakt haben müßten.

Es gibt bisher keinerlei Hinweise auf erotische oder sexuelle Beziehungen unter den Figuren, bis auf diejenigen, die als Paare gelesen werden können (war das nun nur eine Figur oder schon zwei?), aber hier wäre es durchaus denkbar, daß die beiden ein Liebespaar darstellen. Ich bin bei meinen Betrachtungen stillschweigend davon ausgegangen, daß es sich um männliche Figuren handelt – daher auch der Titel dieser Betrachtung. Aber vielleicht kann man das auch anders sehen, ich bin mir da nicht sicher und habe mich schon manches Mal wundern müssen, daß jemand anders die geschlechtliche Zuordnung definitiv genau andersherum interpretieren mußte.

Bei diesen beiden habe ich immer das Gefühl, daß sie irgendwie dem Werk eines Karikaturisten oder Cartoonisten entsprungen sind, eines bekannten Künstlers, aber ich komme nicht drauf, wer das sein könnte und wie diese Figuren „wirklich” aussehen. Vielleicht ist es auch nur so, daß ich aus diesen Figuren Comics oder Cartoons entwickeln könnte, wenn ich denn ein Comiczeichner oder Cartoonist wäre. Das bin ich aber nicht.

Ich male solche Sachen, kann nicht sagen, wie ich das mache, und es ist klar, daß es sich nicht um Comics oder Cartoons handelt, nicht um Karikaturen, nicht um Illustrationen, und aus all diesen negativen Zusicherungen muß man dann wohl den positiven Schluß ziehen, daß es sich um Kunst handeln muß, was immer das nun wieder ist, und ich mithin ein Künstler bin, ein Künstler im eigentlichen Sinne. Damit befinde ich mich natürlich in guter Gesellschaft; welcher Künstler von Rang hätte denn definieren können, was Kunst ist und wie er es macht.

Nachdem wir nun alle Figuren einzeln betrachtet haben, ist es an der Zeit, das Gemälde als Ganzes in Augenschein zu nehmen. Die Summe der Teile muß ja mehr ergeben, eine größere Einheit, muß Überzeugungskraft entwickeln, darf sich nicht in der Aneinanderreihung der Einzelheiten erschöpfen. Mit anderen Worten gesagt: Es muß ein Werk sein, ein Bild, alles muß sich zueinander fügen, aufeinander bezogen sein, und ich bin gespannt, was bei dieser Betrachtung herauskommen wird.

Im Moment habe ich noch keinen Schimmer. Die Betrachtung der einzelnen Figuren hat eine Menge Überraschungen gebracht und mir diese erst recht erschlossen. Erst durch diese Betrachtungen sind mir die Figuren ans Herz gewachsen, habe ich sie liebgewonnen, alle miteinander. Insofern bin ich froh, daß ich mit dieser Arbeit begonnen habe. Ich bin gespannt, wohin sie mich noch führen wird.

Februar 2, 2007

Rothaar

Filed under: Art,Culture,Kultur,Kunst,Leben,Life,Malerei,Painting,Personal,Thoughts — Werner Popken @ 14:04

Ausschnitt aus No. & · © Copyright Werner Popken · © Copyright Werner Stürenburg

Ausschnitt aus No.  242 (Privatbesitz)

Zwischen dem  Langohr und dem  Rad findet sich eine weitere Maske, die als Blüte auf einem Stengel sitzt; in gewisser Weise bildet sie somit das Gegenstück zu der  Blumenmaske auf der anderen Seite.

Im Gegensatz zu dieser ist die Maske jedoch auf den ersten Blick einfacher gestaltet. Außerdem scheint es sich hier ausnahmsweise um eine weibliche Figur zu handeln.

Auffällig ist die weiße Gesichtsfarbe und die Rötung der Augen, die allerdings nicht so dramatisch wirkt wie bei dem  Blauen. Die roten Haare fallen sämtlich zur selben Seite und grenzen oben an die rote Blume, die wir neulich kurz angesprochen haben.

Ähnlich wie die gelben Gebilde, die wir als Knöpfe oder Nagelköpfe angesprochen haben, wird die Wange durch einen roten Fleck mit dicker schwarzer Umrahmung hervorgehoben, der sich unter dem anderen Auge leicht wiederholt, etwas abgedunkelt und ohne Rand.

Die Lippen sind sehr dunkel, fast schwarz, was natürlich mit dem weißen Teint einen starken Kontrast ergibt. Im Sinne der Jungschen Zahlensymbolik findet man die Vier in den Blättern, wobei man aber auch drei Blätter zählen könnte, oder auch zwei gegen eins.

Diese Figur schaut ganz deutlich nach rechts aus dem Bild heraus, sie fixiert den Betrachter nicht. Der Ausdruck ist weniger melancholisch als vielmehr nachdenklich und ernst, aber sicher nicht depressiv oder ängstlich.

Von einer Teilung des Gesichtes nach Picasso-Art kann hier keine Rede sein – wenn man nicht die Nasenlinie ins Auge fassen würde. Dann nämlich sieht man eigentlich das Profil. Zur Verdeutlichung habe ich es isoliert und war ganz erstaunt, daß es (für mich) unzweifelhaft männlich wirkt. Die Gegenprobe zeigte, daß der Rest den weiblichen Anteil stellt, was durch die Haare natürlich noch verstärkt wird.

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Überraschung! Die männliche Hälfte hatte ich gar nicht erkannt! Diese blickt etwas spitzbübisch-verschmitzt, während die weibliche etwas zurückhaltender, abwartend wirkt.

Ich weiß nicht, wie ich auf diese Assoziation komme, aber irgendwie hatte ich immer den Eindruck, als ob diese Figur etwas hexenhaftes an sich hätte – wozu sicher die roten Haare und die weiße Gesichtsfarbe beitragen. Hexenhaft heißt hier wohl eher geheimnisvoll, rätselhaft, wirkmächtig, weniger unheimlich, schon gar nicht böse.

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Diese Verkleinerung und selbst der Originalscan gegeben nicht zu erkennen, ob das Gesicht einfach durch die Grundierung gegeben wird oder wirklich gemalt ist – was ich vermute. Die eigentlichen Feinheiten wird man freilich erst vor dem Original würdigen können. So wird bestimmt der Mund eine deutlich erkennbare Zeichnung enthalten, die trotz Bildmanipulation aus dem Scan einfach nicht befriedigend herauszuholen ist.

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